Zwischen Unfall­meldung und Gravel-Hype

Zwischen Unfall­meldung und Gravel-Hype

Im Sommer tauchte das Velo vermehrt in den Medien auf. Abseits der Sportberichterstattung schienen vor allem Unfälle und Konflikte zwischen Verkehrsteilnehmenden auf mediales Interesse zu stossen.

Eine verpasste Chance, wie wir finden. 

Wenn das Velo in den Medien auftaucht, kommt es erstaunlich oft auf zwei Arten daher: als sportliches Lifestyle-Produkt oder als Verkehrsteilnehmer, der für Ärger sorgt. Frauen steigen vermehrt aufs Rennvelo, Gravelbikes boomen, beeindruckende Bilder von der Tour de France – positive Geschichten gibt es durchaus. Doch sobald das Velo nicht auf der Trainingsstrecke, sondern im Strassenverkehr auftaucht, verändert sich der Ton: Unfälle, Regelverstösse und Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmenden bestimmen die Schlagzeilen.

Besonders stossend fanden wir einen Bericht, der über «Verstösse en masse» bei Velofahrenden berichtete und dabei ein überfahrenes Rotlicht zeigte, gefolgt von einigen Aussagen von Passant:innen. Ein Zusammenschnitt aus Momentaufnahmen und persönlichen Wahrnehmungen. Von recherchierten Zahlen zu den Verstössen fehlte jede Spur. Dass guter Journalismus anders aussieht, ist wohl allen klar und dennoch reicht der Beitrag, um den Konflikt zwischen Autofahrenden und Velofahrenden erneut anzuheizen. Wem – abgesehen von den eigenen Klickzahlen – mit solchen Berichterstattungen gedient ist, bleibt fraglich.

Auch Daten sind nicht immer repräsentativ

Medien können nicht nur Konflikte schüren, sondern auch Angst. Angst, überhaupt aufs Velo zu steigen. Dass über Unfälle berichtet wird, ist nichts Neues. In diesem Sommer wurden aber von verschiedenen Seiten (zuerst winti.ch, dann tsri.ch und schliesslich auch der «Tages-Anzeiger») interaktive Unfallkarten von Velounfällen publiziert, die sogenannte Unfallhotspots identifizieren. Doch auch hier lohnt sich ein genauerer Blick: Was sagen absolute Unfallzahlen eigentlich aus? Wo mehr Menschen unterwegs sind, passieren grundsätzlich auch mehr Unfälle. Ohne Angaben zur Verkehrsmenge oder zur Art der Infrastruktur können solche Karten schnell ein verzerrtes Bild erzeugen – oder Angst, mit dem Velo gewisse Orte zu passieren.

Einher mit den Unfallkarten gingen die Gründe für die Unfälle. Die häufigste Kategorie seien dabei «selbstverschuldete» Stürze. Wer Verkehrssicherheit allein als Frage individuellen Verhaltens betrachtet, blendet einen wesentlichen Teil der Realität aus, denn die Infrastruktur ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt.

«Ein Unfall passiert nicht im luftleeren Raum. Eine unübersichtliche Kreuzung, eine fehlende Veloinfrastruktur oder eine gefährliche Strassenführung können entscheidend dazu beitragen, ob eine Situation sicher oder gefährlich wird.»

Wer immer wieder liest, dass Velofahrende Regeln missachten und dafür gescholten werden, Unfälle verursachen oder sich in gefährliche Situationen bringen, bekommt nicht gerade Lust, selbst aufs Velo zu steigen. Verkehrssicherheit ist nicht nur eine Frage von Infrastruktur und Verkehrsregeln. Sie ist auch eine Frage der Wahrnehmung und mit welchem Gefühl man auf den Sattel steigt. Medien prägen diese Wahrnehmung und das eigene Sicherheitsgefühl.

Der Beitrag von Medien zur Verkehrskultur

Das soll nicht heissen, dass Medien gar nicht mehr über Unfälle berichten sollen, aber weshalb im nächsten Sommerloch nicht mal über gelungene Velowege oder den positiven Einfluss auf die Umwelt berichten? Der Fokus auf Konflikte und Unfälle trägt sicherlich nicht zu seinem besseren Strassenklima bei.

Das Velo ist nicht nur Sportgerät und schon gar nicht bloss ein gefährlicher Störfaktor auf der Strasse. Es ist ein effizientes Verkehrsmittel, braucht wenig Platz, verursacht kaum Lärm und Emissionen und bringt Bewegung in den Alltag. Wer mit dem Velo unterwegs ist, entlastet zudem den Strassenraum und trägt dazu bei, dass Städte lebenswerter werden.

Wie wir über Verkehr sprechen, beeinflusst, wie wir ihn wahrnehmen. Und wie wir ihn wahrnehmen, beeinflusst letztlich auch, wie wir uns auf unseren Strassen verhalten. Es geht bei der Berichterstattung durch Medien also um mehr als eine Schlagzeile, sondern darum, zu einer sicheren Verkehrskultur beizutragen.

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Gina Marti

Kommunikation & Events Pro Velo Zürich

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