Fürs Klima aufs Velofahren verzichten! Wirklich? 

Fürs Klima aufs Velofahren verzichten! Wirklich? 

Cycling Science – Wissenschaft für Velofahrende

Eine Studie sorgt für Stirnrunzeln: Sie kommt zum Schluss, dass Velofahren dem Klima kaum nützt. Aber stimmt das wirklich?

Es ist eine der problematischsten Studien über das Velofahren, die ich kenne: Karl T. Ulrich veröffentlichte 2006 die Studie «The Environmental Paradox of Bicycling» («Das ökologische Paradoxon des Radfahrens»). Der Professor an der Universität Pennsylvania verglich den Energiebedarf des Radfahrens mit jenem des Autofahrens und kam zum Schluss: Velofahren ist zwar viel sparsamer, aber trotzdem verbrauchen Velofahrende unter dem Strich ebenso viel Energie wie Autofahrende – weil sie länger leben!

Wenn ich von dieser Studie erzähle, finden das die meisten entweder zynisch oder lustig. Dann tauchen neue Ideen auf, wie man die Umwelt schützen könnte: Abschaffung der Promillegrenze, Gurtverbot und – nur konsequent – Aufhebung des Tempolimits innerorts.

Fürs Klima aufs Velofahren verzichten?

Bevor ihr die Studie als populistischen Stumpfsinn abtut, lasst uns die Zahlen anschauen. Wenn man, so Ulrich, pro Woche 50 Kilometer Velo statt Auto fährt, spart man rund elf Gigajoule Energie pro Jahr. Gleichzeitig aber führt die körperliche Aktivität zu einem Gewinn an Lebenszeit von 10,6 Tagen. In diesen 10,6 Tagen verbraucht der Durchschnittsamerikaner 9,7 Gigajoule – fast genauso viel, wie er mit Velofahren eingespart hat.

«Der Zielkonflikt zwischen Lebens­erwartung und Klima ist real.»

Felix Schindler

Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Problematisch finde ich nicht, dass Ulrich die Auswirkungen gewonnener Lebenszeit gegen den Umweltnutzen ausspielt, sondern wie er es tut. Er ignoriert diverse Faktoren, die den Energiebedarf beeinflussen: den Strassenbau, die Unmengen an Energie, die während Staus verpufft werden. Oder den Einfluss auf die Lebensweise, die das Auto typischerweise hat: längere Wege, mehr Wohnraum und mehr Konsum. Auch in Bezug auf die Lebenserwartung trifft Ulrich unhaltbare Annahmen. Etwa, dass wir mit jedem Jahr die gleiche Anzahl Tage an Lebenszeit gewinnen – egal, wie alt wir sind oder wie lange wir schon Velo fahren. Kurz: Seine Systemgrenzen sind zu eng.

Keine Vollständige Gesamtbilanz

Aber: Natürlich hat es einen Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen, langfristigen Energieverbrauch, wenn die Menschen älter werden. Und es ist zulässig, das zu berücksichtigen. Das heisst nicht, dass die Förderung der allgemeinen Gesundheit kein legitimes Ziel ist. Aber ein Zielkonflikt zwischen dem Anstieg der Lebenserwartung und dem Schutz von Umwelt und Klima ist real.

Das Problem an der Studie ist, dass sie so tut, als wäre sie eine wissenschaftlich saubere, vollständige Gesamtbilanz. Tatsächlich hat Ulrich nur ein paar Faktoren herausgepickt, die ihm eine gute Pointe liefern.

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