Velokoordinatorin will den Kanton zum Mitmachen bringen

Velokoordinatorin will den Kanton zum Mitmachen bringen

Kathrin Hager koordiniert seit kurzem das neue Veloteam der Stadt Zürich.

Wie sie die Velorouten-Initiative umsetzen – und den Kanton zum Mitmachen bringen will.

Sie wurden im letzten Winter von einem Auto angefahren. Was ist passiert?
Kathrin Hagger: Mir wurde auf dem Weg zur Arbeit im Kreisverkehr der Vortritt genommen. Die Autofahrerin hat mich komplett übersehen, als sie in den Kreisel fuhr.

Wurden sie schlimm verletzt?
Ja, schon. Eine Kniefraktur. Noch habe ich Hoffnung, dass es wieder gut kommt.

Hat der Unfall Ihre Haltung zum Velofahren verändert?
Jeder Unfall löst etwas aus. Der Vorfall hält mich jedoch nicht vom Velofahren ab. Was mir aber einmal mehr vor Augen geführt wurde: Die Infrastruktur sollte für alle möglichst fehlerverzeihend sein. Kreisel, das weiss man, sind unglücklich für Velofahrende. Sie verflüssigen den motorisierten Individualverkehr. Darum werden sie gebaut. In der Stadt Zürich haben wir zum Glück bloss wenige davon.

Dennoch ist das Velofahren in Zürich alles andere als sicher. Die 70,5 Prozent Ja-Stimmen für die Velorouten-Initiative zeugen davon. Zu wie viel Prozent ist der konkrete Vorschlag der Initiantinnen und Initianten umsetzbar?
Das lässt sich noch nicht sagen. Wir überarbeiten das Netz momentan. Was sicher ist: Die Streckenabschnitte auf Quartierstrassen sind einfacher und schneller zur realisieren. Die Abschnitte auf Kantonsstrassen erfordern einen längeren Planungsprozess.

Als Erstes nehmen Sie die Baslerstrasse in Angriff. Was ist da genau geplant?
In einem ersten Schritt können wir viel mit minimalen baulichen Massnahmen wie etwa Belagsreparaturen sowie mit Markierungen verbessern.

Das heisst, das Velo hat nun Vortritt?
Noch nicht. Schnell gehen die Dinge vor allem auf der Strecke. Auch Knoten, an denen sich zwei Quartierstrassen kreuzen, sind problemlos. Da kann man, wo nötig, einfach den Rechtsvortritt aufheben. Das lässt das Strassengesetz ab 1. Januar 2021 zu. Dort, wo es Knoten mit übergeordneten Strassen hat, dauert es etwas länger.

Was sind die konkreten Massnahmen zwischen den Knoten?
Die Vorzugsrouten sollen genügend breit sein, damit sich Velofahrende problemlos kreuzen und auch überholen können. Das erreichen wir mit dem Abbau von Parkplätzen. Zudem wollen wir den Durch- gangs- und Schleichverkehr wegbringen. Da braucht es Massnahmen im Verkehrsmanagement.

Orientieren Sie sich da an den Niederlanden, wo man ganze Quartiere für den Durchgangsverkehr sperrt?
Dann müssten wir gleich das Gesamtverkehrssystem der Stadt Zürich überarbeiten (lacht). So weit sind wir noch nicht. Wir arbeiten mit Einbahnregimen oder Sperrungen, wie es sie etwa an der Scheuchzerstrasse schon gibt.

Die Knoten mit den Kantonsstrassen werden schwierig. Wie gehen Sie die Herausforderung an?
Möglichst früh mit dem Kanton in Kontakt treten. Bei den Projekten, die wir im nächsten Jahr umsetzen wollen, sind wir bereits dran.

Wie bringt man den Kanton dazu, im Interesse der Stadt zu handeln?
Wir müssen die Dinge aufgleisen. Klar wird es dann zu Diskussionen kommen.

Die Entscheidungshoheit liegt bei Kantonsstrassen klar beim Kanton. Das ist schwierig.
Ich bin zuversichtlich, dass wir auch bei den Kantonsstrassen weiterkommen. Aber es braucht Zeit.

Sie haben früher in ähnlicher Position für den Kanton Zürich und den Kanton Thurgau gearbeitet. Ist es einfacher, in der Stadt oder auf dem Land etwas in Sachen Velo zu bewegen?
Die Herausforderungen sind ähnlich gross, aber es sind andere Bereiche tangiert. Eine gute Veloinfrastruktur braucht immer Platz. Den muss man von irgend- woher bekommen. Auf dem Land braucht man Kulturland. In der Stadt geht mehr Raum fürs Velo oft zulasten des motorisierten Individualverkehrs.

In der Stadt ist der Rückhalt aus der Bevölkerung grösser.
Ja, die städtische Bevölkerung spricht sich klar für eine Umverteilung des öffentlichen Raums aus. Ich erhoffe mir, dass diese Rückendeckung auch da ist, wenn es um den eigenen Parkplatz geht.

Es gibt Stimmen, die sagen, in Zürich werde sich nie etwas ändern.
Die Planung ist komplex. Und in den vergangenen Jahren ist sie nicht einfacher geworden. Auch, weil es immer mehr Ansprüche gibt. So wird unter anderem mehr Raum für Bäume gefordert. Die Leute beteiligen sich auch mehr an der Diskussion. Das ist grundsätzlich erfreulich, aber dadurch verlängert sich der Planungsprozess.

Man kann Sie über ein Formular auf www.stadt-zuerich.ch direkt kontaktieren: Erhalten Sie viele Mails aus der Bevölkerung?
Mehrere täglich. Sie betreffen laufende Projekte oder punktuelle Verbesserungsmöglichkeiten.

Sind diese Vorschläge brauchbar?
Bei vielem sind wir bereits dran. Anregungen, die laufende Projekte betreffen, leite ich jeweils an die zuständigen Projektverantwortlichen weiter. Andere Inputs gehen an das Expressteam, das für schnell umsetzbare Massnahmen zuständig ist.

Erhalten Sie auch böse Mails?
Nein, zum Glück nicht. Manchmal gibt es Leute, die ihre Ungeduld bekunden.

Wie gehen Sie damit um?
Ich greife dann und wann zum Telefonhörer. Die Leute wissen halt oft nicht, wie komplex die Planungsprozesse sind. Im Gespräch relativiert sich dann vieles.

Als Koordinatorin Fuss- und Veloverkehr arbeiten Sie beim Tiefbauamt und zusammen mit der Dienstabteilung Verkehr. Können Sie dank der departementsübergreifenden Ausrichtung Ihrer Stelle mehr bewirken als in Ihrer früheren Funktion beim Kanton?
Darauf hoffe ich sehr. Im neuen Veloteam der Stadt sind zwölf Leute aus verschiedenen Fachbereichen. Das macht das Koordinieren zwar etwas schwieriger, aber die Leute sitzen am richtigen Ort. Wir haben überall jemanden, der schaut, dass das Velowissen weitergetragen wird. Ich spüre auch sehr viel Motivation seitens der Verwaltung: Der Wille, etwas zu bewegen, ist wirklich da.

Was genau ist anders als beim Kanton?
Mein damaliges Team war in der Verwaltung isoliert. Darum hatten wir Mühe, uns einzubringen. Dieser Unterschied hat mich motiviert, den Job bei der Stadt zu übernehmen. Die departementsübergreifende Organisation ist klar ein Vorteil.

Beim Kanton durften Sie beraten, aber nichts fordern. Ist das jetzt anders?
Bei der Stadt haben wir einen klaren Auftrag der Bevölkerung. Auch der Stadtrat hat die Velorouten-Initiative unterstützt. Das politische Umfeld ist ganz anders als beim Kanton. In der Stadt stehen die Ampeln für das Velo auf Grün.

ZUR PERSON

Kathrin Hager ist seit August 2020 Koordinatorin für Fuss- und Veloverkehr der Stadt Zürich. Die 53-jährige Raumplanerin baute 2012 die Koordinationsstelle Veloverkehr des Kantons Zürich auf und leitete das Team bis 2017. Hier machte sie sich einen Namen als Veloanwältin. Nach einem Sabbatical übernahm sie eine ähnliche Aufgabe im Kanton Thurgau, wo sie die Fachstelle Langsamverkehr verantwortete. Sie wohnt in Winterthur und pendelt wann immer möglich mit ihrem schnellen E-Bike nach Zürich.

Was beim Kanton passiert

Velofahren soll nicht nur in der Stadt Zürich, sondern im ganzen Kanton sicherer werden: Die Urdorfer Kantonsrätin Sonja Gehrig (GLP) reichte Anfang Oktober ein Vorstosspaket fürs Velo ein. Die Geografin ist Vorstandsmitglied bei Pro Velo Kanton Zürich und wird im Rat von einer breiten Allianz aus GLP, Grünen, EVP, SP und AL unterstützt: «Es gibt 1200 bekannte Schwachstellen im Velonetzplan. Wir wollen, dass diese nun endlich behoben werden.»

Zeitplan für die Umsetzung

Eine erste Motion fordert, dass der Regierungsrat jährlich 30 Millionen für die Behebung der Schwachstellen einsetzt, gebunden an einen klar definierten Zeitplan: Bis 2050 sollen alle 1200 Schwachstellen behoben sein.» Aktuell beträgt das kantonale Budget für Velowege 15 Millionen pro Jahr. Doch dieser Betrag wurde bis dato gar nicht ausgeschöpft: «Bisher hat man mit Velomassnahmen meist zugewartet, bis man den jeweiligen Strassenabschnitt sowieso verändern musste», sagt Kantonsrätin Gehrig. In Sachen Veloinfrastruktur habe der Kanton nichts Proaktives unternommen. «Das muss sich ändern.»

Kein Strassenprojekt ohne Velonetzplan

Mit der zweiten Motion will das Bündnis sicherstellen, dass jedes Strassenprojekt systematisch überprüft und mit dem Velonetzplan abgeglichen wird: «Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber wir halten dies lieber explizit fest.»

Nach neustem Standard

Der dritte Vorstoss, ein Postulat, zielt in eine ähnliche Richtung: «Wir fordern, den jeweils neusten Standard für Velowege.» An manchen Stellen hätte man Platz für einen breiten Velostreifen gehabt, aber es sei ein schmaler gebaut worden, weil man sich an veraltete Vorgaben gehalten habe. «So was darf einfach nicht mehr vorkommen.»

About The Author

Andrea Freiermuth

Leiterin Kommunikation & Events bei Pro Velo Kanton Zürich

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